Drakengard im Test

PlayStation2

Drakengard ist zusammen mit Resident Evil:Dead Aim das erste Spiel von Entwickler Cavia, welcher vor allem durch ihr 2010 veröffentlichtes und als Geheimtipp gehandeltes Nier zu Ruhm gekommen sind. Dass Drakengard in vielerlei Hinsicht deutlich anzumerken ist, dass es aus der Feder desselben Produzenten, Yoko Taro, stammt, macht es heute wieder interessant. Insbesondere nachdem sich Nier Automata wegen des hervorragenden Rufs seines Vorgängers, sage und schreibe mehr als 6,5 Millionen mal verkauft hat und Nier selbst zuletzt eine Neuauflage auf aktuellen Konsolen unter dem Namen Nier Replicant vier. 1.22474487139... erfahren hat.

 

Drakengard 1 text 00Zentrum der Erzählung ist Prinz Caim, der sich als Teil der Konföderation, die als einziger Machtpol neben dem Imperium bestehen kann, im Krieg mit eben diesem befindet. Angetrieben wird er von nichts anderem als Rachegefühlen, da sein Land und mit ihm seine Eltern von einem imperial geführten Drachenangriff ausgelöscht wurden. Als einziges Gegengewicht zu seiner erbitterten Wut existiert nur noch die Sorge um seine Schwester Furiae, die er um jeden Preis schützen will. Sie hingegen musste die Bürde eines Göttinnendaseins antreten, trägt daher ein Schutzsiegel in ihren Körper und ist somit Zentrum imperialer Angriffe, die ihre Ziele mit einem intakten Siegel nicht erreichen können. Nach einer tödlichen Verwundung bleibt Caim nichts anderes übrig, einen Pakt mit einem ebenso verwundeten roten Drachen einzugehen, um ihrer beider Leben zu retten. Trotz ihres Hasses auf die Spezies des jeweils anderen, sind sie nun aneinander gebunden und können nun mehr nur noch Leben, wenn der Partner lebt. Als Preis für die Macht des Drachen opfert Caim jedoch seine Stimme, da jeder, der solch ein Bündnis eingeht, ein großes Opfer zu bringen hat.


Drakengard 1 text 02Was den spielerischen Kern angeht, ist Drakengard weniger originell, als es seine Geschichte verheißt. Seit dem Jahr 2000 erfreute sich in Japan Koeis Dynasty Warriors 2 samt seiner Nachfolger großer Beliebtheit. Erstmals waren mit der sechsten Konsolengeneration (Dreamcast, PS2, Gamecube, Xbox) wahre Massenschlachten in 3D möglich. Seither hat sich »Warriors« -in Japan Musou- zu einer Art Unter-Genre innerhalb typischer Hack & Slasher entwickelt und zeigte, beispielsweise auch die Zelda-Reihe, mit Hyrule Warriors, in einem ganz anderen Licht.

Von diesem Kuchen wollte seinerzeit auch Publisher Square ein Stück abhaben, der Entwickler Cavia mit der Aufnahme dieses Konzepts beauftragten. Wie im Vorbild seid ihr hauptsächlich in dritter Person auf weitläufigen Schlachtfeldern unterwegs, auf dem sich an jeder Ecke Gruppen aus drei bis zehn feindlichen Soldaten tummeln. Dann läuft es immer gleich ab. Ihr werdet an einen Ort auf der Karte geschickt und tötet dort alles, was sich bewegt... Oder zumindest die als »Hauptziel« markierten Imperialisten. Dann gehts zum nächsten Ort oder die Mission ist vorbei.

Drakengard 1 text 08Etwas Abwechslung entsteht durch euren Paktpartner, auf dessen Rücken man sich schwingt, um das leidige Fußvolk aus sicherer Entfernung vom Antlitz der Erde zu brennen. Ansonsten prügelt ihr mit eurem Schwert mit der immer gleichen Schlagfolge umher. Ein Leuchten markiert feste Punkte innerhalb der Combo, an denen per Dreieck-Knopf ein besonders mächtiger Hieb ausgelöst werden kann. Je später ihr dieses nutzt, umso kraftvoller, aber auch langsamer und damit riskanter, wird er. Lange Combos werden so, sowie durch die bei 17 Treffern entstehenden Heilkugeln und mehr Erfahrungspunkten, belohnt. Während des Herummetzelns wird außerdem eine Magieleiste gefüllt, mit der Caim einen magischen Angriff entfacht.

Dieser und der Combo-Finisher sind übrigens von eurer Waffe abhängig, von denen es an allen Ecken und Enden neue zu entdecken gibt. Deren Balance ist allerdings nicht so berauschend. Der Autor spielte beispielsweise das gesamte Spiel mit der Startwaffe durch, obwohl er immer wieder einige neue getestet hat. Umgeben von Feinden benötigt ihr aber vor allem Schnelligkeit und Reichweite, von denen die allermeisten Waffen eine schlechtere Mischung als Caims Langschwert aufweisen.

Drakengard 1 text 05Zusätzlich können in manchen Missionen kurzzeitig Caims Begleiter in den Kampf geschickt werden. Kämpfen im Team hätte eine interessante Note einbringen können, doch stattdessen wird Caim dabei ersetzt und ihr kämpft eben anschließend nur mit dem vor der Mission ausgewählten Verbündeten. Das fühlt sich kaum anders an als ein Waffenwechsel, schont aber Caims Energieleiste, die nur sehr selten wieder aufgefüllt werden kann. Hier zeigt Produzent Taro bereits seinen Hang zu ungewöhnlichen Charakteren neben einem geradlinigeren Hauptprotagonisten, da keiner von ihnen einen simplen pflichtbewussten Soldaten verkörpert. Eher sind sie ähnlich geplagte Zeitgenossen wie Caim selbst, die beileibe keine typischen Sympathieträger sind.

So monoton, langwierig und manchmal auch frustrierend diese Missionen sind, so wird aus den überschaubaren Spielelementen doch recht viel herausgeholt. Immer wieder erscheinen Gegner, die eine neue Taktik erfordern und die euch schnell auf die Bretter schicken, solltet ihr euch nicht anpassen. Gegen Gruppen aus langlebigen Fernkämpfern, wie sie später im Spiel auftreten können, hilft aber oft nur im Kreis laufen, bis Caim zu Rennen beginnt und dann mit dem mächtigen Sprintangriff in die Gruppe zielen. Danach wiederholen... Auch der Drache hilft da wenig, da er sehr anfällig gegenüber Geschossen ist und später viele Widersacher Magie-, und damit Drachenfeuer-, immun sind.

Drakengard 1 text 06Außerdem ist das Verhalten der Kamera oft fragwürdig und richtet sich selten so aus, wie ihr es braucht. Was genau beim Aufschalten passiert ist mir ebenfalls nicht so klar geworden. Die Kamera scheint dabei eher auf eine Richtung als auf einen Gegner fixiert zu werden. Für etwas Auflockerung sorgen kurze Abschnitte, in denen ihr Caim aus einer starren Draufsicht steuert. Dies sieht ein wenig nach klassischem Rollenspiel der vorigen Generationen aus, ändert die Steuerung oder eure Angriffe aber nicht, erinnert aber an die 2D-Plattformer-Abschnitte in Nier.

Nebenher gibt es komplett von den Bodenkämpfen abgeschnittene Level, in denen man auf dem Rücken eurer rotgeschuppten Verbündeten gegen imperiale Luft- und Landstreitkräfte in den Krieg zieht. Hier orientierte man sich an der Ace Combat-Reihe auf PS1 und PS2, um dem Drachenflug ein geeignetes technisches Grundkonzept bereitzustellen. Spielerisch erinnert es aber eher an eine Mischung aus Panzer Dragoon und einer (beschnittenen) Form der freien Flüge aus Lylat Wars. Dies geriet allerdings ebenso wenig komplex. Einen kurzen Spurt nach vorne und eine Ausweichbewegung nach links oder rechts. Dazu die Wahl zwischen einem kräftigen, aber langsamen Feuerball geradeaus und zielsuchenden, weniger durchschlagenden Feuerpfeilen. Das ist schon alles.

Drakengard 1 text 10Ok, auch hier bekommt ihr während des Kampfes über Magiegewinn Zugriff auf einen mächtigen Superangriff, der allerdings nicht verhehlen kann, dass auf Sparflamme gekocht wurde und man taktisch damit wenig dazugewinnt. Zwar erscheinen ebenso in regelmäßigen Abständen Gegner, die ein Umdenken und andere Strategien voraussehen, doch fühlen sich auch diese Einsätze häufig öde an.

Immerhin ziehen sie sich selten so in die Länge, wie die Bodenkämpfe mit den Fußsoldaten. Fragwürdig sind außerdem die Angriffe manch eigenwilligem imperialen Kriegsgerät, die wie wild Haken schlagen und ein erfolgreiches Ausweichen zur Glückssache werden lassen. Negativ fällt auch hier wieder die Kamera auf. Erneut ist es das Aufschalten auf Gegner, das mehr Problem als Nutzen bringt. Während im normalen Flug die Kamera brav hinter euch und gut berechenbar bleibt, verwehrt ein aufgeschalteter Widersacher den Blick auf die zumeist zahlreichen anderen Feinde und macht diese Funktion höchstens im ersten Spieldrittel nützlich. Wirklich spaßig ist der freie Flug aber generell selten.

Drakengard 1 text 03Drakengard ist spielerisch unterdurchschnittlich und setzt viele Dinge schlicht nicht gut um. Gerade in der ersten Hälfte, bevor sich die Geschehnisse zuspitzen, weiß es kaum zu begeistern. Bereits hier hat das Gameplay seinen mageren Gehalt fast aufgebraucht. Doch spätestens nach dem ersten der fünf Enden, aber eher schon ab der großen Massenschlacht gegen das Imperium, ist man von der Geschichte und den Charakteren wieder gepackt. Man will mehr erfahren und tiefer in die Welt eintauchen, die sich auf einmal so gar nicht mehr in typische Fantasy-Klischees einordnen lassen will. Hier bietet es noch reichlich Wiederspielwert, den man dann tatsächlich auch wieder zu schätzen wissen wird. All das eintönige Gekloppe und frustrierende durch Gegnerschwärme fliegen gerät bei so manchem wieder in Vergessenheit und schon ist man bereit, noch mehr zu kloppen, um Licht ins Dunkel zu bringen und noch mehr verstörende Geschichten zu erfahren.

Drakengard erschafft dabei eine ähnliche Atmosphäre wie Nier. Während Nier allerdings wegen seiner Rollenspielbasis immer wieder in gemächliche, ruhige Abschnitte wechselt und sich seine dunkle Geschichte eher wie ein Nebel über die Welt legt, wirkt Drakengard immerwährend angespannt. Man befindet sich ständig im Aufbruch, hastet und kämpft ohne eine Ruhepause.

Drakengard 1 text 09Zu einer originellen Welt und Charakteren mag ein offenes Spielkonzept die natürliche und stimmigere Wahl sein, doch erzeugt die treibende, kampflastige Ausrichtung Drakengards eben eine spürbar andere Stimmung. Zumal auch Nier als Rollenspiel, trotz seines guten Rufs, nicht immer gut funktioniert. Dass Caims Gefährten, geschockt von seiner Kaltblütigkeit, seine Taten auf dem Bildschirm oft harsch kritisieren, zerstört immer wieder den gewohnten Trott des Spielers in seinem Selbstverständnis, der heldenhafte Krieger zu sein, den alle zu bewundern haben.

Kaum ein anderes Spiel, damals wie heute, nutzt derart düstere und bedrückende Mittel der Charakterentwicklung und Szenengestaltung, ohne nur an der Gewaltschraube zu drehen. Es bleibt dabei über die weitesten Strecken schwer greifbar und zerschlägt regelmäßig die Erwartungshaltung des Spielers. Die schmerzhaft eindringlichen Klänge des eingesetzten Orchesters tun ihr Übriges, die Nerven gespannt und das Gemüt finster zu halten. So gut wurde Unsicherheit, Terror, Aggressivität und Hast selten rübergebracht.

Viel Licht und vor allem Schatten also... Hilft denn vielleicht eine gelungene technische Umsetzung dabei, über die Schwächen hinwegzusehen?

Drakengard 1 text 04In Drakengards Erscheinungsjahr 2003 war die schwächelnde PS2-Anfangszeit bereits überwunden und für viele Genres waren ab 2001 auf der komplizierten Hardware absolute Vorzeigetitel zu bewundern. Final Fantasy X, Gran Turismo 3 a-Spec, Devil May Cry oder Virtua Fighter 4 zeigten, was möglich war. Von diesen Titeln ist Cavias Frühwerk meilenweit entfernt.

Ähnlich wie im Vorbild Dynasty Warriors wurde die Weitsicht auf ein extrem niedriges Niveau reduziert, um nicht zu viele der massenhaft angreifenden Gegner auf einmal darstellen zu müssen. Das wollte man der schwer programmierbaren PS2 wohl tunlichst ersparen. Dennoch ist das Zurückversetzen in die Nintendo 64-Frühzeit ein mittlerer Schock. Das Gefühl einer offenen Welt, wie eines Waldes, kommt so nur schwerlich (oder sagen wir besser: nicht) auf. PS2-typisch sind die Texturen unscharf und zumeist in graubraunen Farbtönen gehalten. Es wurde sich wohl bewusst für einen, positiv gesprochen, düsteren Stil entschieden. Viel Freude bringt Cavias Schlachtorgie den Augen jedenfalls nicht. Zumindest nicht, solange berechnete Modelle gezeigt werden. Die Rendervideos sind hingegen eine Wucht. Neben den vertonten Dialogen von Caims Feinden und Gefährten sind sie es, die dem Spieler ins Mark gehen können und ihn an die Handlung gefesselt halten.

Dass das Bildsignal nicht mit 60 Herz ausgegeben werden kann, ist bei diesem technisch weitestgehend enttäuschenden Spiel, leider nur zu stimmig. Immerhin gibt es kaum PAL-Balken.

 

Andreas meint:

Andreas

Ich bin ein Freund davon, Spiele als Gesamtwerk zu bewerten. So kann ein Titel meiner Meinung nach auch mit hakeliger Steuerung und veralteter Technik zu höchsten Ehren kommen. So zum Beispiel Deadly Premonition, welches zu meinen Top drei der gesamten siebenten Konsolengeneration (360, PS3, WiiU) gehört. Doch während sich bei genanntem Agentenhorror alles perfekt zusammenfügt, erscheint Drakengard teilweise wie ein Flickenteppich. Moralische Kritik am erbarmungslosen Töten Caims ist nicht immer glaubwürdig und passend inszeniert; ist jedoch das einzige neben der Musik, was dem monotonen Spielablauf ein gewisses Etwas gibt. Abseits der monströsen Zyklopen (siehe Bilder) des Imperiums und den Scheußlichkeiten zum Spielende gibt es kaum einen Übergang zwischen den Boden-und den Flugmissionen. Beides könnte in fast komplett voneinander unabhängigen Welten bzw. spielen stattfinden. Warum sieht man nicht mal die Gegner des Drachen-Ace Combats, wenn man am Boden kämpft? Noch nicht einmal die Geschütztürme, werdet ihr sehen, wenn ihr zu Fuß unterwegs seit. Und natürlich darf in den Handlungen auch gern Freiraum für Interpretationen und selbst unbeantwortete Fragen bleiben. Allerdings waren Cavia hier vielleicht ein bisschen zu faul beim Liegenlassen der vielen abgeschnitten Handlungsfäden.

Drakengard ist ein Ausnahmetitel und wirkt noch immer in der Handlungsentwicklung und der Bildsprache überraschend und konsequent. Es vermittelt Erfahrungen und Stimmungen, die ihr so schnell nirgendwo bekommt. Somit sticht es tatsächlich auch heute noch aus den Softwarekatalogen hervor. Also ja, man sollte dieses Spiel gespielt haben, selbst wenn es spielerisch weitgehend eine Zumutung bleibt.

Positiv

  • eindringliche Präsentation
  • abgründige und unverbrauchte Geschichte
  • kurze aber spektakuläre Zwischensequenzen

Negativ

  • alternative Waffen und Begleiter sind selten eine große Hilfe
  • flaches und monotones Spielsystem
  • Steuerung und Kamera schwach
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  • von khaos:

    Drakengard Drakengard ist zusammen mit Resident Evil:Dead Aim das erste Spiel von Entwickler Cavia, welcher vor allem durch ihr 2010 veröffentlichtes und als Geheimtipp gehandeltes Nier zu Ruhm gekommen sind. Dass Drakengard in vielerlei Hinsicht deutlich anzumerken ist, dass es...

  • von Konatas_Diener:

    @khaos Man muss vor allem technisch einiges ertragen. Wärend Drakengard 1 i.dR. mit 60FPS läuft ist die Framerate im 3er heftig variabel. So schlimm, dass das Spiel schon mal zur Diashow (unter 15 FPS) wird. Dafür spielt es sich halt flotter und bietet sehr viel schwarzen Humor. Ich hatte...

  • von khaos:

    Werde mir den 3er wohl auch demnächst mal bestellen? Muss ich dafür etwa noch mehr leiden?!? ...

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Drakengard Daten
Genre Action
Spieleranzahl 1
Regionalcode Pal
Auflösung / Hertz 480i / 60 Hz
Onlinefunktion -
Verfügbarkeit 2004-05-21 00:00:28
Vermarkter SquareEnix
Wertung 5.2
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