Willkommen in der Zukunft!
Hippie, Ausbeuter oder verrückter Professor?
Der Clou bei den Fraktionen ist, dass sie sich alle gleichzeitig spielen lassen und sinnvoll kombiniert werden können. Zu Beginn des Spiels kann man zwischen Ecos und Tycoons als Startfraktion wählen, doch bei Erreichen der dritten bzw. fünften Bevölkerungsstufe werden Techs und die noch fehlende Fraktion freigeschaltet. So kann man die Nachteile einer Gruppe mit den Vorteilen einer anderen ausgleichen.
Wie hältst du’s mit der Umwelt?
Ein Manko, das althergebrachte Anno-Spieler sicherlich vermissen werden ist, dass es kaum Ziergebäude gibt: Bei den Vorgängern spielte mit dem Erreichen neuer Bevölkerungsstufen nicht nur notwendige Produktions- und Verwaltungsgebäude, sondern vor allem auch Zierelemente frei. Bäumchen, Plätze und Statuen ließen den geneigten Städtebauer die eigene Insel nach Gutdünken verzieren. Bei Anno 2070 fehlen diese rein optischen Schmankerl völlig. Manch ein Tycoon mag das nur für überflüssigen Schnickschnack halten, doch mein Eco-Herz wünscht sich doch die Möglichkeit, meinen Städten einen persönlichen Stempel abseits von benötigten Gebäuden aufzudrücken. Parks für Ecos, Werbetafeln für Tycoons, abstrakte Kunst für Techs; all das würde ich gerne auf meiner Insel platzieren können. Aber vielleicht wird es ja nachgepatcht…
Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt…
Wie heutzutage üblich, nutzt auch Anno 2070 die Möglichkeiten des Internets, um seine Nutzer zu animieren, mit eingeloggtem Uplay-Account zu spielen und dabei Daten an Ubisoft zu senden. Da User dies nicht unbedingt gerne tun, schafft das Spiel Anreize, online zu zocken. Zu diesen Features zählen beispielsweis die Senats- und Präsidentschaftswahlen in der Welt von 2070. In regelmäßigen Abständen stehen drei Kandidaten der verschiedenen Fraktionen zur Wahl, die von der gesamten Spielerschaft online wählbar sind. Diese versprechen bestimmte Boni, die für die gesamte Amtszeit gelten und den Usern zugutekommen, beispielsweise eine Steigerung der Produktivität der Betriebe im Spiel. Das animiert zur Interaktion und gibt das Gefühl, einer globalen Community anzugehören und in der Welt wirklich einen kleinen Beitrag mit seiner Stimme leisten zu können.
In der Online-Welt gibt es auch einen Multiplayer-Modus, in dem es möglich ist, nicht nur allein gegen sie KI zu siedeln, sondern sich auch mit menschlichen Gegnern zu messen. Das dürfte dem ein oder anderen friedlich bauenden Annoholic sicherlich die Schweißperlen auf die Stirn treiben, sind die Computergegner doch für gewöhnlich nur so aggressiv wie der Spieler selbst und lassen gemütliche Zocker weitgehend in Frieden bauen. Menschliche Gegner hingegen sind unberechenbarer und können mit Schiffen, U-Botten oder sogar Flugzeugen die eigenen Siedlungen arg in Bedrängnis bringen.
Da Anno ein Spiel ist, in dem man bei der Besiedelung jeder Inselwelt quasi bei Null beginnt, gibt es als partieübergreifendes Feature die Neuerung der sogenannten Arche: Dieses Mutterschiff begleitet den Spieler über seine Anno-Karriere hinweg und kann mit Technologien ausgestattet werden, die den Spielfluss erleichtern. So kann man Items aus vergangenen Sessions mit in spätere Spielrunden nehmen und sich so kontinuierlich verbessern. Sehr schön!
Last but not least gibt es, wie in beinahe jedem aktuellen Titel, natürlich auch bei Anno 2070 eine ganze Palette an Achievements und zu entdeckenden Geheimnissen, die teilweise mit Belohnungen wie Titeln oder Verbesserungen für die Arche aufwarten. Ob man das nun eher motivierend oder nervig findet ist schlussendlich einfach Geschmackssache. Ubisoft wird mit diesen Online-Features jedenfalls über den Fortschritt und das Verhalten seiner Spieler auf dem Laufenden gehalten.
Auto-Updater, Uplay und das Kreuz mit der Onlinepflicht
Damit nicht genug: In den folgenden zwei Wochen wurde bei jedem Start des Spiels erneut gepatcht. Man fragt sich schon, wie schlampig bei Ubisoft gearbeitet wurde, dass so viel Verbesserungsbedarf besteht. Auch ärgerlich ist, dass man oft nicht einmal darüber informiert wird, was genau im Hintergrund heruntergeladen und verbessert wurde. Patchnotes scheint es nur bei großen Fixes zu geben.
In einem Atemzug damit ist der Onlinezwang zu nennen. Auch wenn man offiziell nur einmal bei der Erstinstallation zur Registierung online sein muss: Bei jedem Start verbindet Anno 2070 sich mittels Uplay-Account automatisch mit Ubisoft und sendet nach dem Spielen auch einen „Spielbericht“. Um offline spielen zu können, muss das Internet zunächst ausgeschaltet werden, damit ein offline-Modus verfügbar ist. In diesem fallen allerdings viele Elemente im Interface weg: So steht die Arche nicht mehr zur Verfügung und die Boni aus Senats- und Präsidentschaftswahlen wirken sich ebenfalls nicht aus.
Läuft’s?
Anno 2070 läuft auf Windows-Rechnern und verlangt mindestens XP sowie eine CPU mit mindestens 2 GHz und DualCore Technologie. Eine Grafikkarte mit 512 MB ist notwendig, ebenso wie mindestens 2 GB Arbeitsspeicher. Für die Erstinstallation ist darüber hinaus ein Uplay-Konto (kostenlos bei Ubisoft einzurichten) sowie eine Internetverbindung nötig.
Trotz der Verlegung des Settings ins Jahre 2070 bleibt das Anno-Feeling erhalten: Da wird gewuselt, gebaut und optimiert, und die Städte laden zum anschauen und abtauchen ein. Besonders die Postkarten-Ansicht bietet einen tollen Blick auf die eigenen Inseln. Die Produktionsketten sind komplexer den je, aber durch die strukturierte Menüführung dennoch komfortabel aufzubauen. Drei Fraktionen mit eigenen Bedürfnissen bieten weitere Spieltiefe und sorgen dafür, dass selbst in einer perfekt funktionierenden Siedlung immer noch hier oder dort ein bisscher optimiert werden kann.
Die Negativpunkte sollte man dennoch nicht verschweigen und sind besonders ärgerlich, weil sie eigentlich komplett unnötig sind. Warum gibt es beispielsweise keine Zierelemente? Das ist wenig programmiertechnischer Aufwand, war bisher in allen Anno-Teilen Standard und wird von der Communty gewünscht. Hoffentlich hört Ubisoft auf die Fans und liefert in einem Patch Möglichkeiten zur Verschönerung nach. Über den Onlinezwang wundert man sich in Zeiten von allgegenwärtigen Datenkranken nicht mehr, aber störend ist es dennoch. Ich möchte nicht förmlich dazu genötigt werden, online zu spielen, da ansonsten viele Features einfach wegfallen. Das ist einfach nur ärgerlich und vermiest mir das ansonsten tolle Spielerlebnis. Der Umzug in die Zukunft ist mit Anno 2070 nämlich insgesamt wirklich gut gelungen und bringt frischen Wind in die Reihe. Und trotzdem: Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich persönlich die hutzeligen Fachwerkhäuser...